Corona-Maßnahmen Weihnachten 2020
22.12.20

Pandemische Weihnachtsgrüße 2020

Am 15. Dezember 2020 berichteten verschiedene Medien, unter anderem DER SPIEGEL, wie die Bundeskanzlerin über die Kritiker ihrer Pandemie-Maßnahmen denkt.

Das ist ja im Grunde ein Angriff auf unsere ganze Lebensweise. Seit der Aufklärung ist Europa den Weg gegangen, sich auf der Basis von Fakten sozusagen ein Weltbild zu verschaffen. Und wenn ein Weltbild plötzlich losgelöst oder antifaktisch ist, dann ist das natürlich mit unserer ganzen Art zu leben sehr schwer vereinbar. …Das übliche Argumentieren, das hilft da nicht, deshalb ist das für uns schon eine besondere Herausforderung. …Das wird vielleicht auch eine Aufgabe für Psychologen sein. … Wie verabschiedet man sich eigentlich aus der Welt der Fakten und gerät in eine Welt, die sozusagen eine andere Sprache spricht und die wir mit unserer faktenbasierten Sprache gar nicht erreichen können?

Zitat: DER SPIEGEL vom 15.12.2020

Bei den Gegnern der Regierungsmaßnahmen im Kampf gegen die Pandemie, mache sie „eine richtige Diskussionsverweigerung“ aus. „Trotzdem sind wir ein tolerantes Land.“

Zitat: DER SPIEGEL vom 15.12.2020

Wie fast alles aus Mund und Feder der Bundeskanzlerin klingt dies wohlüberlegt und scheint gründlicher Bildung zu entspringen. Es ist zweifellos richtig, dass unsere europäische Lebens­weise seit über 250 Jahren von der Aufklärung geprägt ist. Dennoch ist ihr  möglicherweise ein Fehler unterlaufen, denn die Denker der Aufklärung standen damals für das Gegenteil von allem, was die Bundeskanzlerin derzeit macht und meint.

1784 erklärte Immanuel Kant, der führende Aufklärer in Deutschland, seinem Publikum die Ziele und Ideale der Aufklärung folgendermaßen:

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Un­mündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedie­nen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen gerne zeitlebens unmündig bleiben, und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein.

Andere werden das verdrießliche Geschäft (des Denkens) schon für mich übernehmen. Es ist also für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der Unmündigkeit herauszuarbeiten. Er hat sie sogar liebgewonnen und ist vorder­hand wirklich unfähig, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, weil man ihn niemals den Versuch davon machen ließ. Daher gibt es nur wenige, denen es gelungen ist, durch eigene Bearbeitung ihres Geistes sich aus der Unmündigkeit heraus zu wickeln und dennoch einen sicheren Gang zu tun.

Dass aber ein Publikum sich selbst aufkläre, ist eher möglich, ja es ist, wenn man ihm nur Freiheit lässt, beinahe unausbleiblich. Denn da werden sich immer einige Selbstdenkende, sogar unter den eingesetzten Vormündern des großen Haufens, finden, welche, nachdem sie das Joch der Unmündigkeit selbst abgeworfen haben, den Geist einer vernünftigen Schätzung des eigenen Werts und des Berufs jedes Menschen, selbst zu denken, um sich verbreiten werden.

Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit, und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen. Nun höre ich aber von allen Seiten rufen: räsoniert nicht! Der Offizier sagt: räsoniert nicht, sondern exerziert! Der Finanzrat: räsoniert nicht, sondern bezahlt! Der Geistliche: räsoniert nicht, sondern glaubt! Hier ist überall Ein­schränkung der Freiheit. Welche Einschränkung aber ist der Aufklärung hinderlich? Welche nicht, sondern ihr wohl gar beförderlich? – Ich antworte: Der öffentliche Gebrauch seiner Vernunft muss jederzeit frei sein, und der allein kann Aufklärung unter Menschen zustande bringen.

Zitat: Imanuel Kant

Corona-Maßnahmen – Fakten & Zahlen

 Wie Aufklärung, die Anwendung des eigenen Verstandes auf reine Fakten, im täglichen Gebrauch funktioniert, führen jeden Sonntagabend zwei Tatort-Kommissare vor, wenn sie sich gegenseitig die in jeder Folge wiederkehrende Frage stellen:

„Also, was haben wir?“ Damit ist gemeint: Welche Fakten haben wir, und was muss man vernünftiger Weise von ihnen halten?

Genauso verfahren die Kritiker der Corona-Maßnahmen, um durch den Einsatz ihres Verstandes zu beurteilen, ob diese angemessen sind oder nicht. Angemessen sind die Corona-Maßnahmen, wenn Fakten dafür sprechen, dass die vom Corona-Virus ausgelöste Krankheit für einen großen Teil der Bevölkerung lebensbedrohlich ist.

Im Umkehrschluss sind sie unangemessen, wenn dies nicht der Fall ist. Die Gefährlichkeit einer Krankheit vermag der eigene Verstand am zuverlässigsten daran zu beurteilen, wie viele Menschen an ihr sterben. Die hierzu nötigen Fakten erschließen sich aus von der Regierung selbst veröffentlichten Statistiken.

Am Tag der Äußerung der Bun­deskanzlerin waren mit und am Corona-Virus 22.435 Menschen verstorben. Von 83 Millionen Bewohnern Deutschlands macht dies 0,027 Prozent aus. Die Grippewelle 2017/2018 verursachte laut www.aerzteblatt.de vom 30. September 2019 rund 25.000 Tote.

Corona-Maßnahmen vs. Grippe-Maßnahmen

Die alljährliche Grippe wird gleichfalls von Viren ausgelöst. Weder der Bundeskanzlerin noch dem Bundesminister für Gesundheit ist bis heute in den Sinn gekommen, wegen der von den Todeszahlen her offenbar ähnlich gefährlichen Grippe überhaupt Maßnahmen zu ergreifen oder in großangelegten Medienkampagnen eine Impfung zu empfehlen, obwohl es gegen Grippe sogar einen Jahr für Jahr angepassten Impfstoff gibt.

Der Verstand vermag die Logik der Unterscheidung nicht nachzuvollziehen. Der aufgeklärte Mensch weiß: Jedes Virus ist anders. Das Virus der Spanischen Grippe, die von 1918 bis 1920 um die Welt ging, erwies sich vor allem für Menschen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren gefährlich. Im Vergleich zu anderen Ausprägungen des Grippe-Virus, die vor allem unter Kindern und alten Menschen Opfer fordern, war dies ungewöhnlich.

Auch das Corona-Virus zielt offenbar auf bestimmte Altersgruppen. In der Gruppe der bis 19-jährigen starben bis zum 15. Dezember 2020 nur 12, und in der Gruppe der 20- bis 29-jährigen nur 27 Menschen. In der Gruppe der 30- bis 39-jährigen gab es 50, unter den 40- bis 49-jährigen 174, und in der Gruppe der 50- bis 59-jährigen 667 Tote.

Diese bis zu dieser Stelle gezählten 930 Toten, die einen Anteil von nur 4,1 Prozent an den Gesamtopfern ausmacht, erlaubt dem Verstand zur Schlussfolgerung, dass sich Kinder, Schüler, Studenten und der allergrößte Teil der Berufstätigen vor einem Tod durch das Corona-Virus relativ sicher sind.

In der Gruppe der 60 bis 69-jährigen gab es über das Jahr hinweg 1.842 Tote (8,2 Prozent). Für sie ist die Todesgefahr bereits doppelt so groß wie für die 0 bis 59-jährigen. In allen bis zu dieser Stelle betrachteten Altersgruppen fällt auf, dass die Todesgefahr für Männer (unter 30 Prozent) offenbar geringer ist als für Frauen (70 Pro­zent). Dieses Verhältnis verschiebt sich unter den 70 bis 79-jährigen leicht (der Männeranteil liegt bei rund 34 Prozent) bei einer Gesamtzahl von 4.646 Toten (20,7 Prozent aller Corona-Toten).

Nach den Feststellungen des Statistischen Bundesamts liegt die Lebenserwartung von Män­nern bei 78,4 Jahren, während die von Frauen mit 83,4 Jahren etwas höher liegt. Bei 2.309 an oder mit dem Corona-Virus gestorbenen Männern in den Altersgruppen 0 bis 79 Jahre ändert sich an deren Lebenserwartung nichts.

Mit 10.260 machen die 80 bis 89-jährigen den größten Anteil der Corona-Toten aus (45,8 Prozent), gefolgt von den 90 bis 99-jährigen (4.757, somit 21,2 Prozent). Die letztgenannte Zahl ist wieder kleiner, doch liegt dies daran, dass 90 bis 99-jährige in Anbetracht der durchschnittlichen Lebenserwartung von vornherein die kleinste Altersgruppe sind.

Das vom aufklärerischen Verstand ermittelte Zahlenverhältnis zwingt dem mündigen, des Rechnens fähigen Menschen die Einsicht auf, dass sich etwa zwei Drittel der Corona-Todesfälle sowieso jenseits der statistischen Lebenserwartung ereignen.

Von den 83 Millionen Bewohnern Deutschlands starben 2019 insgesamt 939.500. 2018 waren es 954.874. Somit unterliegt sie gewissen Schwankungen. An der Sterblichkeitsrate können 22.435 Corona-Tote (2,38 Prozent der Durchschnittszahl der letzten beiden Jahre) nicht viel ändern.

Vor allem kamen 2020 kaum noch Grippeerkrankungen vor, wie der Mitteldeutsche Rundfunk zufällig ebenfalls am 15. Dezember 2020 berichtete, sodass die Corona-Toten ungefähr die kaum mehr vorkommenden Grippe-Toten ersetzen.

Quelle: MDR.DE vom 21.12.2020

Unter Berücksichtigung all dieser Fakten kommt der den eigenen Verstand einsetzende Mensch zum rech­nerischen Ergebnis, dass das Corona-Virus eher nicht jene mörderische Seuche auslöst, vor denen das Totalverbot des gesellschaftlichen Lebens schützen soll und zieht den Schluss, dass die Corona-Maßnahmen eher unverhältnismäßig sind.

Um zu diesem Ergebnis zu kommen, braucht man die Existenz des Corona-Virus keineswegs zu leugnen. Der aufgeklärte Mensch, der sich mit diesen Fakten auseinandersetzt, darf aber durchaus in Abrede stellen, dass die wegen seines Umlaufs getroffenen Maßnahmen vernünftig und verhältnismäßig sind.

Weil der aufgeklärte Mensch über historische Bildung verfügt, sucht er in der europäischen Geschichte nach Ereignissen, die vom Anlass und vom Umfang der verordneten Einschränkungen her wenigstens ungefähr den Corona-Maßnahmen gleichen. Er findet eine einzige Entsprechung.

In New York und anderen amerikanischen Großstädten waren 1918 während der Spanischen Grippe das Tragen eines Mundschutzes in der Öffentlichkeit obligatorisch (Better be ridiculous than dead – lieber lächerlich als tot) und Großveranstaltungen, etwa Militärparaden, untersagt. In manchen Städten wurden auch Schulen, Kirchen, öffentliche Bibliotheken, Theater und Kinos geschlossen.

Alle Maßnahmen erwiesen sich als erfolgreich. Nur: An der Spanischen Grippe starben in diesem Jahr in den Vereinigten Staaten 675.000 Menschen. Gemessen an ihrer damaligen Bevölkerung von rund 93 Millionen Menschen war dies ein katastrophaler Anstieg der Sterblichkeitsrate.

Überträgt man dieses Zahlenverhältnis auf die heutige deutsche Bevölkerung, müsste die Zahl der Corona-Toten bei 602.420 liegen. Obwohl sie nur 22.435 beträgt, werden in Deutschland 2020 wesentlich drastischere Maßnahmen verordnet, die bis hinter die privaten Wohnungstüren reichen.

Der Verstand zieht daraus den Schluss: Alles, was die Bundeskanzlerin derzeit anordnet und durchsetzt, ist nicht völlig beispiellos, aber gerade gemessen an diesem einzigen historischen Beispiel ein völlig überzogener Vorgang.

Die Fürsorglichkeit der Bundeskanzlerin ist überdies erstaunlich. Für das meist alte Menschen bedrohende Grippe-Virus hatte sich ihr Interesse in allen Jahren in Grenzen gehalten. Wie im Grunde alle tödlichen Krankheiten, denen vornehmlich alte Menschen erliegen, ersparte es sowohl der Deutschen Rentenversicherung als auch der Pflegeversicherung unliebsame Ausgaben und sorgte gleichzeitig für erfreuliche Einnahmen aus der Erbschaftssteuer. Am 9. Dezember 2020 lagen der Bundeskanzlerin aber plötzlich Oma und Opa am tiefbewegten Herzen:

Wenn die Wissenschaft uns geradezu anfleht, vor Weihnachten, also bevor man Oma und Opa und andere ältere Menschen sieht, eine Woche der Kontaktreduzierung zu ermöglichen, dann sollten wir vielleicht doch noch mal nachdenken, ob wir nicht irgendeinen Weg finden, die Ferien nicht erst am 19. Dezember beginnen zu lassen, sondern vielleicht schon am 16. Dezember. …Ich will nur sagen: Wenn wir vor Weihnachten zu viele Kontakte haben und es anschließend die letzten Weihnachten mit den Großeltern waren, dann werden wir etwas ver­säumt haben. Das sollten wir nicht tun!

Zitat: Rede Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Haushaltsgesetz vom 09.12.2020

Corona-Maßnahmen – Zahlen, Fakten und Verstand

Wenden wir auch auf diese flammende Aussage die von der Aufklärung verordneten Werkzeuge an, Fakten und Verstand:

Im Durchschnitt ist eine Frau in Deutschland etwa 30 Jahre alt, wenn sie ihr erstes Kind zur Welt bringt, und falls es überhaupt ein zweites Kind gibt, ist sie dabei 32 Jahre alt. Die Oma ist im statistischen Durchschnitt nur 25 Jahre älter als Mutter

Quelle: Zahlen und Fakten der Bundeszentrale für politische Bildung am 10. August 2020

Wenn der älteste Enkel zehn Jahre alt ist, wird Oma hiernach im Durchschnitt 67 Jahre alt sein. Vom Alter her gehört sie noch nicht einmal zu einer signifikanten Risikogruppe, sodass die Wahr­scheinlichkeit, dass Oma den Weihnachtsbesuch überlebt, ganz überwiegend hoch ist. Opa darf geschlechtsbedingt sogar noch zuversichtlicher sei.

Zum Todesengel der Großeltern wird man durch den Weihnachtsbesuch mit ganz überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht, und im Grunde hatte sich die Gewissensfrage, zu der die gemeinsame Begehung des Festes hochstilisiert wird, bereits in allen Jahren zuvor gestellt: Grippeviren und Noroviren gab es damals schon. Die hierdurch ausgelösten Todesfallzahlen hatte die Bundeskanzlerin nicht parat. Sie werden winzig gewesen sein – falls sie jemals erhoben wurden, was indes bezweifelt werden darf.

Wenn die Bundeskanzlerin deklamiert, dass die Wissenschaft uns geradezu anfleht, Oma und Opa vor ihren Enkeln in Sicherheit zu bringen, lässt sie offen, wer oder was eigentlich diese flehende Wissenschaft sein soll. Wahrscheinlich meint sie Professor Drosten und das Robert-Koch-Institut. Letzteres ist aber ein keine unabhängige, allein der objektiven Wissenschaft verpflichtete Forschungseinrichtung, sondern ein weisungsabhängiger Teil des Bundesministeriums für Gesundheit.

Die Stimmen aus der Wissenschaft, die alles nicht für zielführend und für völlig überzogen halten, was die Bundeskanzlerin durchsetzt, werden zugunsten einer von ihr selbst gegründeten reinen, einzig wahren Lehre ausgeblendet. Sogar Professor Kekulé, der im Lauf des Jahres immer wieder Bedenken andeutete, ob alles gut und richtig sei, scheint mittlerweile bei der Bundeskanzlerin in Ungnade gefallen zu sein.

Die Aufklärung setzte sich dafür ein, unvoreingenommen jede Möglichkeit in Betracht zu ziehen („Also, was haben wir?“), gerade nicht nur eine von den Regierenden bevorzugte Deutung. Von der Gewährleistung der Freiheit, von der Vernunft öffentlich Gebrauch zu machen, entfernt sich die Bundeskanzlerin in gefährlicher Weise, und sowohl ihre Informationspolitik wie ihre Corona-Maßnahmen unterbinden diese Freiheit immer stärker. Mit den Zielen und Idealen der Aufklärung hat ihre Politik am wenigsten zu tun, allenfalls in der Funktion eines Bestatters.

Überrascht darf man sein, wenn die Bundeskanzlerin beklagt, ihre Kritiker verweigerten die Diskussion und seien Argumenten nicht zugänglich. An einem offenen Austausch von Argumenten hatte sie sich bislang zu keinem Zeitpunkt interessiert gezeigt, und über die vielfältigen Inhalte der Debatte hatte sie stets kalt und unbeeindruckt hinweggesehen. Ihre Argumente vermochten ihre Kritiker in der Tat nicht zu überzeugen. Dies heißt aber nicht, dass sich ihre Kritiker nicht damit auseinandergesetzt hätten. Dies haben sie sehr wohl, und daraus entstand die hitzige Debatte überhaupt.

In aufgeklärten Zeiten kommt es zuweilen vor, dass die eigene Meinung auf eine Gegenmeinung stößt. Wer jedoch im Amt des Bundeskanzlers äußert, die Verfechter der Gegenmeinung seien allein deshalb ein Fall für den Psychologen, weil sie so frei sind, sich der Meinung der Bundeskanzlerin nicht anzuschließen, wird sowohl für die Errungenschaften der Aufklärung, als auch für die von Meinungsvielfalt lebende Demokratie zur Gefahr. Dies ist nicht die erste Entgleisung der Bundeskanzlerin dieser Art.

Schon am 15. September 2015 hatte sie verkündet, wenn sie für ihre Flüchtlingspolitik kritisiert würde, „dann ist das nicht mein Land.“ Im einen wie im anderen Fall gab sie zu verstehen, dass sie jene Teile der Bevölkerung verachtet, die ihre Politik für falsch halten.

Aufklärung funktioniert anders. Ihr französischer Vordenker François-Marie Arouet, der unter seinem selbstgewählten Namen Voltaire berühmt wurde, erklärte in einem Satz, was Meinungsfreiheit ist:

Ich bin nicht einverstanden mit dem, was Sie sagen, aber ich würde bis zum Äußersten dafür kämpfen, daß sie es sagen dürfen.

Zitat: Voltaire

Davon ist die Haltung der Bundeskanzlerin weit entfernt. Lebte Voltaire heute in Deutschland, würde er sich selbst zitieren:

Es ist gefährlich, Recht zu haben, wenn die Regierung Unrecht hat.

Zitat: Voltaire

Dass diese Einsicht wieder gilt, ist das einzige und höchst giftige Ergebnis der fünfzehnjährigen Regierung der Bundeskanzlerin. Sie sollte die kommenden Weihnachtstage nutzen, um besinnliches Liedgut auf der Blockflöte zu begleiten, wie sie es 2016 selbst empfohlen hatte, und sie sollte Immanuel Kant lesen. Dann würde ihr klar, dass in der Tat gerade ein Angriff auf unsere ganze Lebensweise stattfindet, der aber keineswegs von ihren Kritikern ausgeht, sondern einzig und allein von ihr selbst.

Zu dieser Reflektion wird sie kaum in der Lage sein, und dieses Defizit ihrer Persönlichkeit macht sie zu einer Gefahr für die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Vielleicht widerfährt den 83 Millionen Bewohnern Deutschlands das Glück, dass es die Kanzlerin ist, die nach Weihnachten die Hilfe eines Psychologen in Anspruch nimmt, wie sie es bislang ihren Kritikern geraten hatte.

Der Versuch, politischen Gegnern mit der sanften Geduld eines Irrenarztes zu begegnen und ihre Ansichten als Symptome einer geistigen Störung abzutun, hat übrigens gleichfalls historische Vorbilder: In der Sowjetunion wurde Dissidenten ärztlich bescheinigt, bei ihnen zeige sich das Symptom reformistischer Illusionen, weshalb diese armen Kranken wegen schleichender Schizophrenie unbedingt einer Behandlung in einer geschlossenen Einrichtung bedürften.

Wir wünschen unseren Geschäftspartnern, Mitarbeitern, Freunden, Kollegen, kurz: allen, die unser bisheriges Leben irgendwie mitgestaltet haben, ein fröhliches Weihnachtsfest und einen guten Übergang in die ab 2021 heraufziehende neue Welt, von der wir nur wissen, dass sie in nichts mehr jener Welt gleichen wird, die wir bis 2020 kannten. Ein Satz Friedrich Nietzsches wird dort allerdings Gültigkeit behalten:

Staat heißt das kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch; und diese Lüge kriecht aus seinem Munde: Ich, der Staat, bin das Volk.

Zitat: Friedrich Nietzsche

Foto: stock.adobe.com

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