Geld anlegen – Teil IV (Fondsbeteiligungen)

Eine weitere Möglichkeit der Kapitalanlage stellen Fonds dar.

Fonds – das wunderbare Gefühl clever zu sein.

Wir betreten die Welt des grauen Kapitalmarkts. Sie ist 20 Milliarden Euro groß – im Jahr. Das weiß die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen. Etwa 100.000 Anleger ruinieren sich dort – im Jahr. Das schätzt das Bundeskriminalamt.

Auf den ersten Blick sieht sie aber viel bunter aus als sich das jetzt anhört. Dies liegt an den gutaussehenden Verkäufern und ihren bunten Prospekten auf Hochglanzpapier, und mindestens einmal im Jahr wird man in ein luxuriöses Hotel zur Anlegerversammlung eingeladen. Fast kein Anleger geht dorthin. Am Anfang kommen die Anleger nicht, weil alles wunderbar läuft und es keinen Grund gibt, sich dort aufzuregen, und am Ende hat keiner mehr das Geld für die Anreise.

Die Investition

Man kann sich an verschiedensten Fonds beteiligen: Windkraftanlagen, Solarparks, Altersheime, Einkaufszentren, Containerschiffe, Verkehrsflugzeuge, Tanker, Musikproduktionen und Kinofilme sind die Renner der Branche. Für solche Investments sprechen immer einleuchtende Gründe. In der Zeit der Energiewende ist es klar, dass erneuerbare Energien die Zukunft gehört. In einer Zeit, in der es immer mehr alte als junge Menschen gibt, spricht viel dafür, in Altersheime zu investieren. Da ist es doch logisch, dass man mitmacht, erst recht, wenn sagenhafte Renditen winken: 7, 9 oder 12 %. Das bekommt man sonst nirgends. Ganz nebenbei lässt uns der Verkäufer wissen, dass auch noch enorme Steuervorteile winken. Rechnerisch würde der Fonds am Anfang Verlust machen, aber das sei ganz normal, und außerdem sei der Verlust gar kein echter Verlust, sondern nur Abschreibungen, sozusagen ein Verlust, der nur bei dem dummen Finanzamt auf Papier steht, aber in Wirklichkeit gar nicht eintritt. Dadurch wird aus Steuern Vermögen gebildet. Dem bösen Finanzamt einen Streich zu spielen, klingt natürlich schlau, obwohl man nicht ganz verstanden hat, wie es funktioniert. Das gibt aber niemand zu, weil man vor dem Verkäufer nicht dumm dastehen möchte. Am Ende machen deshalb alle mit: Verkäuferinnen, Zahnärzte, Busfahrer, Anwälte, Frührentner und Unternehmer.

Denkpause!

Ist Ihnen schon etwas aufgefallen? Verkäuferinnen, Busfahrer und Frührentner zahlen in Deutschland so gut wie keine Steuern. Weil jede Multiplikation der Null wieder Null ergibt, kann der Erfolg beim cleveren Steuersparen nur Null sein. Außerdem: Haben Sie schon einmal erlebt, dass sich ein deutsches Finanzamt ohne Widerstand die Butter vom Brot nehmen lässt? Nein? Wir auch nicht. Betrachten wir deshalb mit distanzierter Neugier,

Wie es wirklich funktioniert:

Ein Mensch, den man juristisch den Initiator nennt, hat die Idee, ein Containerschiff zu kaufen und es zu verchartern (man kann auch einfach vermieten dazu sagen). Diese Idee hatte er in seinem Leben bis dahin schon hunderteinundzwanzig Mal, und deshalb gründet er ein Unternehmen mit dem Namen Motorschiff Aurora GmbH & Co. 122. KG (oder so ähnlich). So ein Schiff ist nicht billig. Es kostet 80 Millionen Euro. Deshalb schickt der Initiator eine ganze Armee von Verkäufern aus, die ihm 25 Millionen Euro Kapital einwerben sollen. Wer einen Anleger anschleppt, bekommt von dessen Einzahlung 20 %. Das lassen sich die Verkäufer nicht zweimal sagen. Fleißig verteilen sie 2.000 Verkaufsprospekte der Motorschiff Aurora GmbH & Co. 122. KG quer durch Deutschland, und zu diesem Zweck nehmen sie in den Wohnzimmern der Verkäuferinnen, Zahnärzte, Busfahrer, Anwälte, Frührentner und Unternehmer auf dem Sofa Platz. Lächerliche 25 Millionen sind von Profis schneller zusammengebracht als man denkt. Dann werden sie verteilt: 5 Millionen bekommen die tüchtigen Verkäufer als Provision. 2 Millionen gehen an die Rechtsanwälte und Steuerberater, die den Text des Prospekts verfasst haben und ganz zufällig mit dem Initiator befreundet sind. Genauso viel beansprucht der Initiator für seine hervorragende Idee. Es werden dann erstaunlich viele Rechnungen enormer Höhe bezahlt. Sogar die Druckerei, die die 2.000 Verkaufsprospekte drucken durfte, bekommt für diese Mühe zehnmal mehr, als wenn sie 10.000 Exemplare eines dicken Romans von Dostojewski gedruckt hätte. 2 Millionen sind als „Reserve“ geplant. Das klingt gut, weil es sich sehr umsichtig anhört. Am Ende bleiben gerade einmal 8 Millionen Euro übrig, mit denen das Schiff anbezahlt wird. Der Rest der eigentlichen Investition, nämlich 72 Millionen Euro, kommt als Kredit von einer Bank. Für alle, die es immer noch nicht verstanden haben: Die Anleger, Verkäuferinnen, Zahnärzte, Busfahrer, Anwälte, Frührentner und Unternehmer, geben ihre Ersparnisse für die zweifelhafte Ehre aus, für einen Bankkredit haften zu müssen.

Wieder Denkpause!

Haben Sie verstanden, woher der clevere Steuervorteil kommt? Die 25 Millionen Euro der Anleger wurden für sinnlose Rechnungen ausgegeben. Aus ihnen ist im wahrsten Sinne des Wortes Verlust geworden, den das Finanzamt zähneknirschend schlucken muss, weil alle Profiteure absolut korrekte Rechnungen geschrieben haben. Tatsächlich: Die wunderbare Prophezeiung einer Steuererstattung erfüllt sich, beim Busfahrer und der Verkäuferin weniger, beim Zahnarzt und beim Unternehmer mehr. Alle sind froh.

Auch sonst gibt es erst nur

Freude und Zuversicht!

In den ersten drei Jahren wird auf die Minute pünktlich das im Prospekt und vom Verkäufer als „Ausschüttung“ versprochene Geld ausbezahlt. Spätestens jetzt ist man davon überzeugt, dass es die richtige Entscheidung war. Es fragt natürlich niemand, woher das Geld kommt. Im Prospekt stand „Ausschüttung“, nicht „Gewinnausschüttung“. Ausgeschüttet bekommen die Anleger ein Stück von ihrem eigenen Geld, nämlich von der „Reserve“. Sie ist zu keinem anderen Zweck gebildet worden, als die Anleger drei Jahre lang ruhig zu stellen. In diesen drei Jahren verjähren nämlich die Schadensersatzansprüche gegen den Initiator. Ob das Motorschiff Aurora Gewinn oder Verlust einfährt, ist erst einmal nebensächlich. Es steht übrigens Jahr für Jahr absolut wahrheitsgemäß in den Geschäftsberichten, die die Anleger bekommen. Sie sind ausführlich, und zwar so ausführlich und klein gedruckt, dass sie allein deshalb garantiert niemand liest. Solange das versprochene Geld noch kommt, liest sowieso kein Mensch einen Geschäftsbericht. Diese Lektüre wird erst interessant, wenn das Haus lichterloh brennt.

Das Resultat:

Es gibt Fonds, bei denen die Rechnung für den Anleger aufgeht. Darüber gibt es keine Statistik mehr. Man darf diesen Anteil an optimistischen Tagen auf 10 % schätzen. Bei den restlichen 90 % ist das Geld verloren. Das ist schlimm, aber der Mensch neigt dazu, sich seufzend damit abzufinden. Es kommt aber meist noch wesentlich schlimmer: Die Motorschiff Aurora GmbH & Co. 122. KG geht in die Insolvenz. Plötzlich bekommen die Anleger einen Brief vom Insolvenzverwalter: Sie sollen ihre Ausschüttungen gefälligst wieder zurückgeben. Es war schließlich keine Gewinnausschüttung, sondern eine Kapitalausschüttung gewesen, und das Kapital gehört schließlich zur Insolvenzmasse. Man bezahlt dann eben ein zweites Mal. Nicht selten kommt dann drei Jahre später sogar noch ein Brief vom Finanzamt, das einen ohne Mitleid bittet, die Steuererstattung aus dem ersten Jahr zurückzubezahlen, über die man sich damals so gefreut hatte. Begründet wird dies damit, dass man aus dem Prospekt, hätte man ihn genau gelesen, ersehen konnte, dass das ganze sowieso unmöglich etwas werden kann, sodass einem damals die Absicht einer echten Gewinnerzielung gefehlt hätte. Man zahlt zum dritten Mal.

Währenddessen gründet der Initiator gerade die Motorschiff Potemkin GmbH & Co. 157. KG

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